Animalische Ästhetiken, Kunsthaus Kaufbeuren 2012/2013
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Ich zeig Dir meine Trophäensammlung 


Fotos: Rolf Köhler



Animalische Ästhetiken 

Tierisches Material in der zeitgenössischen Kunst 

Ausstellung im kunsthaus kaufbeuren vom 1. Dezember 2012 bis 3. März 2013 

Das Tier ist in der Kunst als Gegenstand omnipräsent – doch was passiert mit der Kunst, wenn das Tier selbst zum Bestandteil der Kunst wird? Das kunsthaus kaufbeuren thematisiert mit der Ausstellung "Animalische Ästhetiken. Tierisches Material in der zeitgenössischen Kunst" erstmals den Umgang mit tierischem Material durch Künstler. Präsentiert werden Werke, die auf tierischen Substanzen basieren – der Schwerpunkt von der traditionellen Frage nach der Darstellung des Tieres wird verlagert auf die Frage nach dem Tier als Material.
Seit mehr als einer Dekade ist das Mensch-Tier-Verhältnis allgegenwärtig in Philosophie, Soziologie und Kunst. Philosophen wie Jacques Derrida und Gary Steiner diskutieren über die Neuformulierung des Tierbegriffs und Wissenschaftler widmen diesem Beziehungsverhältnis einflussreiche interdisziplinäre Publikationen. Zuletzt präsentierte die jüngst zu Ende gegangene dOCUMENTA (13) eine Reihe von Künstlern, die mit tierischem Material arbeiten. Die künstlerische Leitung schrieb den Tieren darüber hinaus auch als Kunstrezipienten einen besonderen Stellenwert zu.
Auch in dieser Ausstellung wird unser Verhältnis zum Tier hinterfragt: Vorgestellt werden die politischen, historischen, gesellschaftskritischen und emotionalen herzustellen. Dabei wird deutlich, dass der Zugang zu tierischem Werkstoff anders funktioniert, brisanter ist, als der Zugang zu synthetischen, pflanzlichen, seit Jahrhunderten etablierten Materialien. 

Die große Bandbreite von Herangehensweisen der Künstler an tierisches Material – die ethisch kritisch zu hinterfragen bleibt – wird aufgezeigt. Das Tier tritt in den Werken in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen auf: Es erscheint in kompletter, präparierter Gestalt; tierische Substanzen wie Milch, Blut und Knochen werden zu Farbe verarbeitet oder sind alleiniger Bestandteil der Malmittel; einzelne Körperteile oder Organe werden verfremdet, so dass sich dem Betrachter der tierische "Inhalt" des Werkes auf den ersten Blick nicht erschließt.
Das Tier, dessen Erzeugnisse und Bestandteile werden zu unterschiedlichsten Bedeutungsträgern und konfrontieren den Betrachter mal subtil, mal provokativ mit verschiedensten Gefühlen: Berührtsein, Erstaunen, Ekel und Verwunderung.

Künstler: Gilla Buchner, Steve Dilworth, Felix Droese, Pippi Frank, Gloria Friedmann, Michaela Johanne Gräper, Renate Haimerl Brosch, Corinna Korth, Sandra Kuhne, Fabrizio Lamoncha, Hermann Nitsch, Nina Peller, Sandro Porcu, Esther Irina Pschibul, Manfred Riederer, Thomas Thiede, Alexandra Vogt






Karen Appel, Kuratorin,  Kunsthaus Kaufbeuren 2012

Text zur Arbeit „Ich zeig Dir meine Trophäensammlung“ 
Dreißig unterschiedlichste Gegenstände sind in einer Vitrine miteinander versammelt. Pippi Frank adaptiert mit seiner Akkumulation von Objekten andere, größerer Sammlungsformen wie beispielsweise Kuriositätenkabinette. Es ist eine vergleichsweise bescheidene Sammlung gemessen an den Trophäengalerien eines Großwildjägers, ohne erkennbaren Anspruch zur Dokumentation, Klassifikation und Wertigkeit.

Der Gebrauch des Wortes „Trophäe“ im Titel des Werkes ist hier ein ganz grundlegender. Der Betrachter sieht Objekte, die Bestandteile einer kindlich bis pubertären Welt sind – Federn , Phallussymbole, Schokoladenhasen, Urinkristalle. Pippi Frank zeigt somit auch Tiere als einen essentiellen Bestandteil von Weltaneignung, in der zunächst die elementarsten Vorgänge bewältigt werden müssen: Essen, Fortpflanzung, Spielen. Gesteigert wird diese Art von Aneignung durch die Veränderung der ausgestellten Dinge. Schokoladenhasen wurden miteinander verschmolzen, Hörner vergoldet, Erpellocken wurden an aus Kaugummi geformten Enten angegliedert. Die in Urin gezüchteten Kristalle produzierte der Künstler selbst.

Jede Form von Sammlung ist Teil einer persönlichen Biografie. Der Sammler sucht und wählt aus, die Sammlungsbestandteile sind mit einer Erinnerung verknüpft, mit der Geschichte des Erwerbs, der Herkunft des Objektes. Somit ist eine Sammlung immer privat und mit persönlicher Historie belegt. Die hier ausgestellten Tierelemente sind Bestandteile einer biografischen, also subjektiven Sammlung. Es sind Dokumentationsstellen für Dinge mit emotionaler Bedeutung in einer persönlichen Gedächtnisgeschichte. Von einem neuen Betrachter jedoch werden sie zunächst einmal neutral gesehen.





I’ll show you my trophy collection, 2004-2009

With his seemingly random collection, Pippi Frank emulates other forms of large scale collections, such as a curiosity cabinet. It is a rather modest collecttion compared to, for instance, the trophy collection of a hunter, with no apparent attempt to document, classify, or rank ist objects.

The use of the term of tophy is crucial in thes context. The objects in the cabinet come from the child-adolscent world – feathers, phallic symbols, chocolate animals, and urine crystals. The artist’s choise of materials makes clear that animals are an essential component in assimilating to the world around us, by which we learn the most basic operations like eating, excreting, playing, copulating, and playing. The altered objects show a refined way of assimilating to our surroundings-chocolate bunnies are merged, horns gilded, drake curls attached to ducks formed with chewing gum, and urine crystals cultured by the artist with his own urine.

Pippi Frank explains: „The idea of untypical trophies arose on the basis of collected antlers I once gilded. I shaped chewed gumd into archaic phalli and animal objects that resemble Stone Age sculptures. I enhanced some with gold leaf, others were covered with dust. I cultured crystals in my urine and let chocolate bunnies copulate. The collection that originated from these fetish objects seduces the viewer and leads him to an ambivalent situations: revulsion versus attraction.“

Material provenance: Pippi Frank collected the antlers and drake feathers in his youth. As his grandfather’s friend was a hunter, Frank developed an interest in animal trophies at an early age. The objects remind him of his childhood and his grandfather.

Karen Appel, Kuratorin Kunsthaus Kaufbeuren, 2012













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