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PLATFORM
 - FRANK O. MAIER – MALEREIEN UND SKULPTUREN
 10.02.2017 – 16.02.2017

Die Bilder sind nur an die Wand getaped, die Objekte stehen nicht auf einem Sockel, sondern auf einem Karton, auf den Klebebändern sind handschriftliche Anmerkungen des Künstlers und die Ausstellung ist mit Neonlicht ausgeleuchtet. Das alles widerspricht einer klassischen Ausstellungssituation, in der sich der Blick der Betrachter_innen einzig auf die jeweiligen Werke konzentrieren sollte.
Die Ausstellung von Frank O. Maier lässt sich als große Installation betrachten – wie der Inhalt einer Kiste, die nur vorübergehend ausgepackt wurde, um eine temporäre Bühne zu errichten. 
Dieses provisorische Setting hinterfragt die Funktion einer Kunstausstellung und damit auch die Rolle des Künstlers.
Was bedeutet es, Künstler zu sein? Wie positioniert sich der Künstler in der Gesellschaft und auf dem Kunstmarkt? Worin besteht der Sinn des Kunstmachens?
Das sind einiger der wesentlichen Fragen, die die Arbeiten Frank O. Maiers stellen.
Eine zentrale Rolle spielt dabei das Brechen mit dem Mythos. 
No. 1011, No. 1012, No. 1013... Die Bilder scheinen aus einer endlosen Gemäldeserie zu stammen – die Vorstellung des Künstlers als unermüdlicher Produzent. 
Tatsächlich aber hat Frank O. Maier willkürlich bei 1040 begonnen und mit jeder neuen Malerei rückwärts gezählt. 
Bis zum Gemälde Nummer Null wird er vielleicht gar nicht kommen.
Auch wenn Frank O. Maier bereits vor 1,5 Jahren mit dem Malen begonnen hat, betont er, dass seine Bilder weniger als Gemälde zu betrachten sind. 
Er ist Bildhauer. Seine Malereien sind, genau wie die Objekte, als bildhauerische Arbeiten zu verstehen. Sie sind Arrangements aus verschiedenen kleinen Geschichten und Bezügen.
Die Leinwand als Mittel zum Zweck: Einerseits, um eine Botschaft zu transportieren, andererseits, um sich an der Malerei als höchste Form der Kunst abzuarbeiten und sie zu ironisieren:
piss on canvas statt oil on canvas.
Frank O. Maier bedient sich eines Repertoires gesammelter Bilder, Fotos, Videostills und Symboliken, die er zu immer neuen Kompositionen zusammensetzt.
Dabei dienen die Bezüge weniger dem Verständnis der Betrachter_in, als dem künstlerischen Prozess selbst. 
Im Mittelpunkt steht der menschliche Körper und so finden sich in den Arbeiten Verweise auf die Abject Art, den Wiener Aktionismus und die feministische Kunst.
Frank O. Maier sammelt, klaut und eignet sich diese Geschichten an. Er kaut sie durch und spuckt sie wieder aus.
Der Hirsch als Sinnbild für das Männliche, der Frosch als das Unkeusche; Figuren aus der Literatur, wie Max und Moritz, Pippi Langstrumpf und der Mönch aus Marquis de Sades „Justine“. 
Die Motive besetzen die Arbeiten. 
Leicht zu übersehen ist ein kleiner schwarzer Vogel, der auf einem der Pink Heroes sitzt. Ein stiller Beobachter, der auf die Ambivalenz der Inszenierungen verweist: Pippi Langstrumpf, dem Kinderbuch entwachsen, streckt uns auffordernd ihr Gesäß entgegen (Pippi, 2008). Unter der goldenen Oberfläche der in die Luft gehobenen Geliebten (Violet Heroes (hang in the balance), 2014) steckt gekauter Kaugummi und getrocknete Spucke. Toulouse Lautrec, der Hirsch und der Frosch thronen auf Sockeln aus kristallisierten Pissepfützen.
Das Kauen ist bei chewed sculptures, 2012 und 2015, und bei Memories (Camille Claudel), 2014 wörtlich zu verstehen.
Die Vaginas aus Kaugummi sind eine Fortführung der Arbeiten der feministischen Künstlerin Hannah Wilke aus den 70er-Jahren. Es gilt, der Omnipräsenz des Phallussymbols etwas entgegensetzen.
In meiner Auseinandersetzung mit Franks Arbeiten ist für mich der Begriff des „Queerens“ immer wieder aufgetaucht. Ursprünglich ein Wort, mit dem Homosexuelle beschimpft wurden, wurde es von der Schwulen- und Lesbenbewegung in den 1980ern angeeignet. 
„Queer“ bedeutet wörtlich „stören“, „von der Norm abweichen“ oder „in die Quere kommen“. Auch das deutsche „Queren“, das „Queren oder Überqueren von Grenzen“ steckt darin. Im Zitieren von weiblichen und männlichen Symbolen und im Verschmelzen von Widersprüchen – schön und abgründig, billig und edel, leicht und schwer, anziehend und abstoßend, maskulin und feminin – findet dieses Que(e)ren statt. 
Bei Pink Heroes (Toulouse, Frog und Deer), von 2013 beispielsweise zeigt sich diese Gleichzeitigkeit von Leichtem und Schwerem, von Edlem und Billigem. Es erzeugt Uneindeutigkeit und Irritation – ein Hin und Her zwischen gängigen Grenzen unserer Vorstellung. 
Frank O. Maier schafft eine Ästhetik, die dem Abgründigen seine Schwere nimmt.

Mira Sacher








Sammeln, durchkauen, ausspucken – nicht nur in seinen buchstäblichen "chewed sculptures" spiegelt sich diese Vorgehensweise wider.
Die Arbeiten von Frank O. Maiers sind subversive Arrangements - ein Spielen mit Elementen der Abject Art, der Formensprache Auguste Rodins oder den Symbolen weiblicher Genitalien ähnlich der feministischen Künstlerin Hannah Wilke. Dabei löst die Nähe zu Tabuthemen, menschlichen Ausscheidungen und Phobien in den Betrachter_innen keinen Ekel aus: mehr faszinierend als schockierend sind die Kompositionen, die den Körper in den Mittelpunkt rücken. Ausschnitte aus einem Archiv an Fotografien, Bildern und Performances bekannter Künstler_innen werden in den Malereien neu angeordnet, golden-glitzernde und kristalline Oberflächen verschmelzen in den Skulpturen mit Kaugummi, Hartschaum und Tampons. 
Frank O. Maier schafft eine Ästhetik, die dem Abgründigen seine Schwere nimmt.

Mira Sacher






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Der Künstler der den Drang hat ein Kunstwerk zu schaffen – piss on canvas
F.O. Maier: Thanks…

Ausstellung in der Galerie der Künstlervereinigung Dachau e.V.
vom 16.09. - 09.10.2016


Text von Erinn Carstens (PLATFORM, München)

Das provokante frech-groteske Zusammenspiel von beispielsweise ansprechender Farbigkeit und gleichzeitiger abstoßender Direktheit ist das Element, welches die Arbeit von Frank Otto Maier durchzieht und auch die Neugierde der Betrachter weckt. 
Das Spielen mit der Zweideutigkeit wird schon am Titel dieser Ausstellung deutlich: „Der Künstler der den Drang hat ein Kunstwerk zu schaffen – piss on canvas“. 
So sind in dieser Ausstellung Gemälde zu sehen, die auf bekannte Szenen von Filmen, Performances und Bilder anderer renommierter Künstler und Fotografen wie beispielsweise: A.L. Steiner, Wolfgang Tillmanns, Cindy Sherman, Nan Goldin verweisen. Frank Otto Maier bedient sich an dieser Szenerie, wählt aber einen eigenen Ausschnitt und eine eigene malerische Umsetzung aus. Es handelt sich hierbei um Ausschnitte und Bilder die zwar bereits existieren in Form einer Fotografie oder eines Filmausschnitts jedoch erst durch Frank O. Maier in die höchste Gattung, nämlich die der Malerei, in Form eines Gemäldes gehoben wird. Gleichzeitig macht der Titel der Ausstellung „piss on canvas“ deutlich, dass es ihm auch hier um ein ironisches Spiel mit diesen Gattungen und Kategorien und die Frage nach der Stellung der Medien in der Kunst und speziell um die Frage der Fotografie als künstlerisches Medium geht. 
Nicht die exakte Kopie eines Ausschnittes steht im Vordergrund, sondern die übersetzte und überhöhte Form der Darstellung. 
Figuren aus Wilhelm Buschs Bildergeschichten sowie Astrid Lindgrens „Pippi“ werden meist urinierend hinzugefügt, sie fallen förmlich aus der Komposition heraus und stehen für die verschmitzte Ironisierung mit der Frank Otto Maier spielt. 
Die kleinen Figuren am Bildrand wirken wie Stifterfiguren, die in der Historie der Malerei meist den Stifter und Auftraggeber eines Werkes darstellten. Die Ironie als Auftraggeber – Frech und ungeniert bedient sich F.O. Maier in seiner Serie „piss on canvas“ an Werken anderer zeitgenössischer Künstlerinnen.
Keineswegs bedeutet dies aber, dass den Werken eine ernsthafte inhaltliche Auseinandersetzung fehlt: Die Themen die den Künstler interessieren beziehen sich auf die bodyart, gender- und abject art und female art. 
Durch das Aneignen und Klauen von Bildausschnitten fragt F.O. Maier
bewusst nach der Positionierung von Künstlerinnen und Künstlernamen im Kunstdiskurs.

Neben der Serie „piss on canvas“ werden in dieser Ausstellung von Frank Otto Maier selbst gesammelte Autogramme zeitgenössischer Künstler_innen gezeigt. Diese werden so zu einem integrativen Teil der Ausstellung indem sich Frank Otto Maier auch hier der bekannten Künstlernamen bedient und mit dem Titel „Thanks“ bei Ihnen dafür bedankt. Eines der persönlichsten Elemente des Menschen, nämlich seine Unikate Unterschrift wird hier in der Sammlung zu einem Gruppenwerk des Künstlers Frank Otto Maier. 
Wer ist der Urheber dieses Werkes? Die Frage nach der Positionierung des Künstlers in der Kunstwelt, auf dem Kunstmarkt und der Gesellschaft bilden hier den Hintergrund.
Das Frank Otto Maier zunächst Bildhauerei bei Prof. Ganahl an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart studierte, wird vielleicht noch in dieser Ausstellung an den ausgestellten Kaugummiskulpturen ersichtlich.
Frank Otto Maier durchkaut seine Themen wortwörtlich und nutzt die Ausscheidungen, also das Kaugummi, als skulpturales Material. Bezüge zu Hannah Wilke sind hier zu finden: seit den 1960er Jahren fertigte Hannah Wilke unter anderem plastische Umsetzungen des weiblichen Geschlechts in Materialien wie Kaugummi, Radiergummi oder Latex an. Hierbei ging es ihr um den Versuch ein Gegenstück zur männlichen Phallussymbolik zu etablieren. In den Arbeiten von Frank Otto Maier spielt die Frage nach der Sexualität durch ähnliche Darstellungsweisen des weiblichen Geschlechts, eine wesentliche Rolle.
Urin als weitere Ausscheidung des menschlichen Körpers bildet auch ein immer wieder verwendetes Material bei den Werken Frank Otto Maiers. Dass in diesem Rest den der Körper ausscheidet etwas Faszinierendes wie ein funkelnder, wertvoll aussehender Kristall wachsen kann, zeigt der Künstler in dieser Ausstellung. Auch hier wird das Spiel der Zweideutigkeit vorangetrieben, indem aus Ekel die Schönheit heranwächst.
Schönheit und Grenzen dieser, das Außenseiterdasein, Lust, Ekel, Neugierde, Naivität, Voyeurismus und Begierde sind der inhaltliche Kontext von Frank Otto Maiers Arbeiten.




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Über das Werk Frank Otto Maiers anhand der Arbeiten „Violet Heroes-hang in the balance-2014“ und „Lautrec is back 2014 Serie“
Von Erinn Carstens

Formen des Grotesken, das sind Ausdrücke für monströse, phantastische Entfremdungen und karnevaleske Überwindungen von autoritären Mächten, geschaffen durch den nüchternen und nach Wahrheit strebenden Blick des Künstlers, so beschreibt es der russische Literaturwissenschaftler und Kunsttheoretiker Michail Michailowitsch Bachtin. Diese Dualität zwischen stechender Direktheit, durch die Reduktion auf das Schaudern und dem Spiel mit dem Ekel der Gesellschaft und der gleichzeitigen Empfindung der ironischen Überhöhung, bildet eine durchgehende und immanente Metaebene bei den Arbeiten von Frank Otto Maier. Der 1976 geborene Künstler studierte unter anderem bei Prof. Rainer Ganahl an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und lebt und arbeitet in München. Ob im Genre der Zeichnung, des Materialbildes mit aus Eigenurin gezüchteten Kristallen, die glitzernden Oberflächen bilden, oder in der skulpturalen Auseinandersetzung, stets lösen seine Arbeiten die Ambivalenz disparater Gestaltungs- und Bedeutungsebenen und den Effekt des desorientiert seins in der Wirklichkeit bei seinen Betrachtern aus. Um dem Betrachter jedoch wenigstens eine kurzfristige Ausweichmöglichkeit zu bieten, ist das Moment der Ironie im Wesen des Grotesken fest inbegriffen und auch in Frank Otto Maiers Arbeiten fest verankert.
In „I´ll show you my trophy collection“ 2004-2009, sammelte und erarbeitete Frank Otto Maier über fünf Jahre hinweg seine grundlegende materielle und skulpturale Bildsprache. In einer Vitrine sind auf fünf Regalebenen die ersten Kaugummigeschlechtsteile mit Vergoldung entstanden, als Gegenpol zu dem männlichen Phallus der ebenfalls gesammelten Geweihe. Auch tauchen die ersten aus Eigenurin gezüchteten Kristalle auf. Das Interesse an dem Tierisch- Animalischen wird durch die vergoldenden sich paarenden Schokoladenhasen deutlich. Diese Werkgruppe bildet den Vorläufer für die skulpturalen Arbeiten der Reihe „Violet Heroes 2014“, in welcher sich die zuvor gesammelten einzelnen Bedeutungsebenen nun innerhalb eines Objektes verdichten. Sie zeichnet sich zunächst durch 40 cm x 20 cm x 10 cm große weibliche Akte aus. Das Entscheidende ist nicht der klassische an Auguste Rodin ähnelnde formale Versuch der Positionierung und räumlichen Lösung des Aktes an sich, sondern die sofort erkennbare im ersten Moment skurril wirkenden Kombination der verschiedenen Materialien und Oberflächen. Der lila gefärbte Schaumstoffkörper kniet auf einem Fundament aus funkelnden Kristallen, die ebenfalls aus dem Eigenurin des Künstlers gezüchtet sind. Die Knie werden von Kaugummi umschlungen, der sich am hinteren Teil der Beine bis zu den Oberschenkeln hochschmiegt. Die Arme des weiblichen Akts sind hinter dem Kopf verschränkt und gewähren einen freien Blick auf den Oberkörper und die Brust des Aktes. Das Gesicht ist fast beschämt zur Seite weggedreht. Arme, Brust und Kopf wurden vergoldet, sodass dem Betrachter verwehrt bleibt zu sehen was sich unter der goldschimmernden Oberfläche befindet, nämlich ebenfalls zerkauter Kaugummi. Den rechten Arm ziert ein vergoldetes Vögelchen, gehalten wird das gesamte Objekt durch den im Oberkörper fixierten Tampon, dessen Faden als Aufhängungsmöglichkeit zur Stabilisierung dient (Violet Heroes - hang in the balance, 2014). In allen bewusst kombinierten Materialien liegt eine tiefergehende Bedeutung zu Grunde: Die Kristalle aus Eigenurin legen die Position des Aktes fest und verankern sie, das animalische „Reviermarkieren“ wird hier überhöht. Frank Otto Maier durchkaut seine Themen wortwörtlich und nutzt die Ausscheidungen, also das Kaugummi, als skulpturales Material. Bezüge zu Hannah Wilke sind hier zu finden: seit den 1960er Jahren fertigte Wilke unter anderem plastische Umsetzungen des weiblichen Geschlechts in Materialien wie Kaugummi, Radiergummi oder Latex an. Hierbei ging es ihr um den Versuch ein Gegenstück zur männlichen Phallussymbolik zu etablieren. In den Arbeiten von Frank Otto Maier spielt die Frage nach der Sexualität durch ähnliche Darstellungsweisen des weiblichen Geschlechts, eine wesentliche Rolle. Schönheit und Grenzen dieser, das Außenseiterdasein, Lust, Ekel, Neugierde, Naivität, Voyeurismus und Begierde sind der inhaltliche Kontext seiner Arbeiten.
Die Ambivalenz, zwischen dem Ekel, dieser durchgekauten, klebrigen mit Speichel versetzten Masse und der später vergoldeten Oberfläche, die schön und rein anmutet, stellt sich dem Betrachter in der Begegnung sofort.  Der Begriff des Abjekts ist auch für Frank Otto Maiers Arbeiten wesentlich, ein im Jahr 1980 von Julia Kristeva geschaffener Terminus, der zunächst alles was im Menschen Aversion und Ekel hervorruft beschreibt und in der Auseinandersetzung Kristevas mit den Schriften Sigmund Freuds zu Angst, Phobie und Psychosen entstand. Hierzu gehört das Durchkauen, Durchdringen, Ausscheiden, Verdauen, Abstoßen, und Abgrenzen um in der Konsequenz eine Selbstfindung zu erfahren, aber auch neue Transformationen zu gestalten, was dem Vorgehen von Frank Otto Maier wesentlich zu Grunde liegt.
Das auf dem Arm sitzende Vögelchen, wirkt zunächst wie ein Fremdkörper, lässt sich jedoch durch die ebenfalls vergoldete Oberfläche in das Gesamtbild integrieren. Ein märchenhaftes, idyllisches Moment schwebt wie ein Schein über dem weiblichen Akt. Im Kontrast steht der aus der „offenen Wunde“ im Rücken ragende Tampon, an welchem der Akt aufgehängt wird.
In einer ebenfalls märchenhaften, unwirklichen Zirkuswelt auf dem Montmartre lebte Ende des 19. Jahrhunderts der kleinwüchsige Künstler Henri de Toulouse-Lautrec zwischen Prostituierten, Literaten und anderen Künstlern ganz in der Nähe vom Moulin Rouge und stellt einen der Hauptprotagonisten in Frank Otto Maiers Zeichnungen und Materialbilder dar. Das Leben des 1,52 cm großen Künstlers, der nur das 37. Lebensjahr erreichte,  zeichnete sich durch sein Außenseiterdasein und so wird verständlich, dass er auf dem Montmartre mit den vielen Prostituierten, die ebenfalls von der Gesellschaft an den Rand degradiert wurden, Wegbegleiter in einer von der Nacht bestimmten Welt fand. Welche Normen gelten für einen aus der Normgefallenen und wer stellt diese dann in Frage? In den Zeichnungen „Lautrec is back 2014“ befasst sich Frank Otto Maier mit diesen Fragen: Der Betrachter sieht den kleinwüchsigen Künstler mit Hut und Stock in der Mitte des Bildes mit angezogenen Knien auf dem Hinterteil einer seitlich liegenden Prostituierten sitzen. Sein Stock ist an das Hinterteil der Prostituierten gelegt. Wie eine zwerghafte Comicfigur scheint der Zerbrechliche die Prostituierte zu dominieren. Sie müsste sich nur bewegen, dann würde diese Machtposition zerbrechen, allein aufgrund ihrer Größe wäre es ein Leichtes für sie den kleinen Mann zu überwinden. Dieses Spiel der Spannung löst sich für den Betrachter nicht auf und lässt ihn mit einer für immer offenen Ungewissheit alleine. Der skurrilen Spannung im Bild steht der fast tapetenhafte Hintergrund gegenüber: Während die Figuren auf dem Bild in schwarzer harter Manier geschaffen wurden, färbt sich der Hintergrund flächendeckend in pastellhaftes ineinander übergehendes Gelb, Orange und Rosa. Mit einem Glas wurden Kreise in die nasse Farbe gedrückt, sie bilden das tapetenhafte Muster und verkörpern eine scheinheilige Ordnung in einer Welt, in der die Normen und guten Sitten der Gesellschaft nicht greifen.
Frank Otto Maier geht es immer wieder darum Schieflagen, Außenperspektiven und Unangenehmes der Gesellschaft in einer stechenden Wahrhaftigkeit zu thematisieren und in der Ambivalenz mit der Ironie dem Betrachter zu spiegeln. Das hierzu die Formen des Grotesken der Kanon für seine Arbeiten bildet, liegt in der Natur der Auseinandersetzung mit den Themen des Künstlers.
Frank Otto Maier war bereits in folgenden Ausstellungen national und international vertreten: 2013 in der Ausstellung "Barbaren" im Neuen Kunstverein e. V. in Regensburg, 2013 in „All Hands on Deck" im nachtspeicher23 in Hamburg, 2012/13 in "Animalische Ästhetiken" (mit Gloria Friedmann, Hermann Nitsch, Felix Droese u. a.) im Kunsthaus in Kaufbeuren (K), 2012 in „Madre“ einem Projekt von Marco Schmitt „helper“ in Brooklyn, New York, 2011 in "tierisch" (GKA) im Haus der Kunst in München (K), 2009 in "Broken tales" in der Theatre Academy in Shanghai, 2008 in "Last rides - weekend exhibition" in der Tensta Konsthall in Stockholm, 2007 in "Institutional homelessness" in der Gallery fruit and flower deli in New York (K) und 2006 in „Buderbrodas“ in der Galerija Intro in Vilnius.






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Karen Appel, Kuratorin,  Kunsthaus Kaufbeuren 2012
Text zur Arbeit „Ich zeig Dir meine Trophäensammlung“ 
Dreißig unterschiedlichste Gegenstände sind in einer Vitrine miteinander versammelt. Pippi Frank adaptiert mit seiner Akkumulation von Objekten andere, größerer Sammlungsformen wie beispielsweise Kuriositätenkabinette. Es ist eine vergleichsweise bescheidene Sammlung gemessen an den Trophäengalerien eines Großwildjägers, ohne erkennbaren Anspruch zur Dokumentation, Klassifikation und Wertigkeit.

Der Gebrauch des Wortes „Trophäe“ im Titel des Werkes ist hier ein ganz grundlegender. Der Betrachter sieht Objekte, die Bestandteile einer kindlich bis pubertären Welt sind – Federn , Phallussymbole, Schokoladenhasen, Urinkristalle. Pippi Frank zeigt somit auch Tiere als einen essentiellen Bestandteil von Weltaneignung, in der zunächst die elementarsten Vorgänge bewältigt werden müssen: Essen, Fortpflanzung, Spielen. Gesteigert wird diese Art von Aneignung durch die Veränderung der ausgestellten Dinge. Schokoladenhasen wurden miteinander verschmolzen, Hörner vergoldet, Erpellocken wurden an aus Kaugummi geformten Enten angegliedert. Die in Urin gezüchteten Kristalle produzierte der Künstler selbst.

Jede Form von Sammlung ist Teil einer persönlichen Biografie. Der Sammler sucht und wählt aus, die Sammlungsbestandteile sind mit einer Erinnerung verknüpft, mit der Geschichte des Erwerbs, der Herkunft des Objektes. Somit ist eine Sammlung immer privat und mit persönlicher Historie belegt. Die hier ausgestellten Tierelemente sind Bestandteile einer biografischen, also subjektiven Sammlung. Es sind Dokumentationsstellen für Dinge mit emotionaler Bedeutung in einer persönlichen Gedächtnisgeschichte. Von einem neuen Betrachter jedoch werden sie zunächst einmal neutral gesehen. 



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Text zur Diplomarbeit
Prof. Rainer Ganahl, 2008
Das Abjekt ist ein von Julia Kristeva geschaffener Terminus (see: Powers of Horror – An Essay on Abjection), der jene abgestoßenen und verdrängten Dinge und Situationen beschreibt, die zwischen Subjekt und Objekt stehen. Es handelt sich dabei nicht nur um Randgruppen der Gesellschaft, sondern auch um körperliche Ausscheidungen, wie Exkremente, Urin, Blut, Speichel usw., die vom Körper stammen, aber dann abgegeben werden. Der vom Subjekt abgeschiedene Stoff wird zum Objekt, obwohl man noch einen Teil seiner selbst erkennt. Dabei verlässt man die gewohnte Welt der symbolischen Ordnung und öffnet die Tore für Ekel, Horror und das Unheimliche. Für Kristeva ist dieser traumatische Akt der Trennung auch ein notwendiger Akt im nie endenden Prozess der Selbstfindung. Für Künstler sind diese Stadien so attraktiv wie sie für andere Ekel erzeugend sein können. Die Welt der Fetischproduktion lebt davon und weiß, die Ambivalenz zwischen Verdrängung, Ekel und Attraktion für sich kommerziell nutzbar zu machen.

Frank Maier spielt offensichtlich mit dieser Figur des Abjekts und lässt das Unheimliche, Ekelhafte in vertrauter Form wieder neu aufmarschieren, erzählt es mit bekannten Geschichten und Anekdoten wieder neu. Was bei Paul McCarthy die vertraute, unschuldige und harmlose Person von Heidi leistet, wird bei Frank Maier Pippi Langstrumpf, die – wie der Name schon sagt – einen Hang zum Wasserlassen hat. Das kecke rothaarig vorpubertäre neunjährige Ding, 1945 auf Papier geschaffen und 1969 in einer schwedisch-deutschen Koproduktion verfilmt, demonstriert unkonventionelle Formen des Kinderprotestes und der do-it-yourself Logik für Kinder. Frank Maier erotisiert eine etwas ältere, more sexy Pippi und hetzt sie auf Toulouse-Lautrec, also auf einen kranken aber berühmten, zwerghaften (152cm) Krüppel, der zudem noch an genitaler Hypertrophie (übergroßer Penis) litt. Toulouse-Lautrec war regelmäßiger Gast in den Salons, die Liebe als Spektakel und Geschäft anboten, wodurch seine Kunst keinen Schaden erlitt.

Für die Diplomarbeit rekonstruiert Frank Maier dreidimensional das Milieu von Toulouse-Lautrecs Bild “Im Salon der Rue des Moulin” von 1894, wo einschlägige Damen dem zahlenden Besuch entgegeneifern. Anstatt des vom Bildrand angeschnittenen Mannes, der vor fünf Damen flaniert, entwickelt Maier ein Ensemble, wo die provokante, auf Toulouse-Lautrec pissende Pippi mit einem intrigantem pseudo-funktionellem Objektspiel als Star auftritt.

Neben dem Salondamen und dem Inventar präsentiert Frank Maier die Arbeit „ Nicht spickeln – Zwei Hasen beim Liebe machen”, also einen Zylinder von seinem Großvater, unter dem es zwei Hasen auf einer Glasplatte versteckt treiben. Auf der anderen Glasplatte sind seltsame, verkrüppelte Stöcke zu sehen, einen sogar kombiniert mit einem Vibrator. Aufgelockert wird die Szene mit Frank Maiers vergoldeten Kaugummiarbeiten, die sowohl Toulouse-Lautrec als auch ein isoliertes weibliches Genital darstellen. Darunter befindet sich eine attraktive Cognacflasche, deren Inhalt Maier in seinem Mund mit Speichel gänzlich raffinierte. Ein überdimensional langer Klappstock, der für die Kürze der anderen Einzustehen scheint, ragt wie zur Demarkierung des Bild - oder Erlebnisraumes bis zur Decke. Die Titel der Arbeiten sind auf Sütterlin geschrieben und den Arbeiten zugeordnet. Zweidimensional ergänzt wird die Installation mit einem Plakat mit dem Titel „Pippi muss mal Pippi und Toulouse steht in der Pippipfütze“ und imitiert das Design und den Ausstellungstitel vom Toulouse-Lautrec Museum Albi. Geöffnet sein wird diese Ausstellung im Jahre 2011, dem 110. Todestag von Toulouse-Lautrec. Frank Maier liebt es, mit seinen Pfützen und “Fotzen”, der Pippi und dem Pippi auch linguistisch fremd zu gehen. Abschließend rundet ein Video diese orgiastischen „Sauereien“ ab, indem der Künstler selber beim feuchten Treiben mitspielt, den Urin Kreislauf durch Ansaugen in Bewegung bringt, eine Pfütze um den Maler kreiert und die Szene in der Rolle eines Freiers mit Pippistrümpfen auf den Armen markiert, bevor er sich wieder zu den Prostituierten gesellt.

Huren, wie Sexarbeiter vulgär genannt werden, sind Verkörperungen von Abjekt im Sinne von Kristeva, weil sie nicht nur eine soziale Randgruppe darstellen, die der Gesellschaft ökonomisch hilft (wie etwa „Gastarbeiter“ oder „illegale Nicht-Gastarbeiter“), sondern weil sie jenen Teil der Liebesindustrie bedienen, der im bürgerlichen Leben unerfüllt bleibt, „abgetrennt“, „abgeschieden“ ist. Liebe wird in der Sexindustrie kommerzialisiert, verdinglicht, veräußert und als Objekt schlichtwegs zum Abjekt degradiert und abgeschoben in ein gehasstes, verpöntes, marginalisiertes, oft kriminelles Milieu, wo moderne Sklaverei mit Krankheiten, Gewalt und glitzerndem Elend blühen und um viel Geld, Attraktion und Imagination buhlen, dabei aber wiederum die populäre Vorstellungskraft bereichert und aufgeilt.

Das Begehren und Abgestoßen wird in den Arbeiten von Frank Maier durch ihre quasi-märchenhafte “Nacherzählung” zur extremen Zeitlupe verdichtet und verwandelt den Betrachter in unschuldige Voyeure, die miese, obszöne Dinge wie das erste Mal vorgeführt bekommen. Maier verzaubert und schockiert zugleich ohne jedoch die tragende Hass-Liebe-Spannung zu entschärfen. Das soziale wie auch objektkritische Reflexionspotenzial wird durch diese schrägen, provozierenden Arbeiten gestärkt und Schaffen einen psychosozialen Mehrwert, der unseren Gesellschafts- und Liebesnormen Antworten abverlangt, ohne erst groß Fragen zu stellen.





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Die Venus von Willendorf war beschnitten
Steinzeitliche Venusfigurinen – wie auch die Venus von Willendorf – sind Ausgangspunkt des neuen Projekts von Frank Maier. Auf unterschiedlichen medialen Ebenen arbeitet der 34-jährige Installationskünstler mit Themen, die auch unter der Gürtellinie nicht halt machen: so beispielsweise mit menschlichen und tierischen Exkrementen, sexuellen Versatzstücken oder Gewalthandlungen und -ritualen.
Ein weiteres entscheidendes Moment ist die zum Teil groteske Kombination unterschiedlicher Materialien und die damit verbundenen Konnotationen. Wie könnte sonst der Betrachter ein als Lagerfeuer getarntes Kaugummikonglomerat, dessen optische Reize vielmehr an braune Körperausscheidungen erinnern, von selbigen unterscheiden? Es beginnt ein pseudo-spielerisches Forschen, in dem eigene Illusionen und Fantastereien sich mit Elementen der Steinzeitforschung mischen.
Indem der Künstler die beiden bedeutenden Archäologinnen, Dorothy Garrod und Johanna Mestorf aus dem 19. Jahrhundert, zu Ausgräberinnen seiner Installation macht, nivelliert er Raum und Zeit, Fiktion und (Kultur-)Historie. Ein ambivalentes Spiel entsteht – zwischen Schönheit und Schrecken, Ekel und Anziehung, ironisierender Komik und schockierendem Bestürzen.
14-1 Galerie, 2010


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Galerie 14-1
Vernissagenrede von Annik Aicher, 5. Februar 2010
Mit archaischer Magie beschäftigt sich der letzte Künstler, den ich heute Abend vorstellen möchte. Es ist Frank Maier, der 1976 in Nürtingen geboren ist und heute in München lebt. Er hat unter anderem bei Prof. Rainer Ganahl studiert. Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht – das hier ist keine Außenstelle der Großen Landesausstellung „Eiszeit“, sondern die erste Ausstellung im neuen Projektraum der Galerie 14-1. Gedacht ist der Projektraum als Showroom für junge Künstlerinnen und Künstler, die frisch von der Hochschule kommen oder noch studieren. Eine sehr gute Idee, finde ich. Denn so entsteht ein spannender Dialog zwischen etablierten Künstlern und Newcomern.
Frank Maier hat den Raum in eine magische Steinzeithöhle verwandelt. Denn der Künstler ist fasziniert von der Urgeschichte, die er ganz eigen interpretiert. Das hat biografische Gründe. Als Kind wollte er Archäologe werden und hat auf dem Acker Scherben eingesammelt und archiviert. Diesen spielerischen, grenzenlosen, und unakademischen Ansatz hat er sich bewahrt. So gestaltet er etwa Höhlengraffiti mit archaischen Tierformen und zeitgenössischer Sprühdosen-Technik. Oder er formt aus Kaugummi Venusfigürchen und aus Horn Fetischobjekte. Die Flusen aus dem Staubsaugerbeutel werden zum historischen Höhlenstaub. Und manchmal stellt er provokante Thesen auf, wie etwa „Die Venus von Willendorf war beschnitten.“ So lautet auch der Titel dieser Ausstellung.
Ein Markenzeichen von Frank Maier ist, dass er ganz unerschrocken große und schwierige Themen angeht. Wie etwa das Thema der weiblichen Beschneidung, die in Wirklichkeit eine Genitalverstümmelung ist. Ein grausamer Ritus, bei dem schon viele Mädchen gestorben sind. Anlass für den Titel der Ausstellung war die Steinfigur der Venus von Willendorf. Hier hat Frank Maier bemerkt, dass der eiszeitliche Gestalter wohl abgerutscht sein muss und eine Kerbe in der Nähe der Schamlippen geschlagen hat. Als phantastischer Archäologe spinnt er diese Beobachtung weiter. Und hier taucht der schwarze Faden wieder auf, den wir vorhin bei der Ausstellung von Annegret Soltau gesehen haben. Auch Frank Maier vernäht einen Frauenkörper – der bei ihm aber aus Filz statt aus Fotopapier ist.
Frank Maier möchte Denkanstöße geben. Wie etwa zu Konventionen und Tabus. Und zum Wandel von gesellschaftlichen Normen. In der Barockzeit wäre zum Beispiel der Werbeslogan „Geiz ist geil“ lebensgefährlich gewesen – gleich zwei Todsünden, die positiv dargestellt werden. Heute würde dagegen keiner mehr seinen Nachttopf auf die Straße leeren. Vor nicht allzu langer Zeit war das ganz in Ordnung. Deshalb irritierten uns auch die Exkremente auf dem Höhlenfußboden. Die allerdings nicht echt sind, sondern aus Kaugummi geformt. Da hat uns der Künstler alias Pippifrank einen Streich gespielt. So nennt sich der Künstler auf seiner Homepage. Er verquickt dort den Namen der Pippi Langstrumpf, der Romanheldin aus seinen Kindertagen, mit dem Kinderwort für Urin. Diese Doppeldeutigkeit kommt auch auf dem zentralen Foto der Homepage zum Ausdruck. Der Künstler pinkelt in der Hocke. Und macht damit auf ein weiteres, geschlechtsspezifisches Tabu aufmerksam. Denn bei Männern wird öffentliches Urinieren toleriert, bei Frauen ist das undenkbar. Aber das Bild war schon wieder ein Streich. Frank Maier hat nur über einer Regenpfütze posiert.

In seiner Steinzeit-Höhle thematisiert Frank Maier auch die Kunst an sich. Denn wie wir seit der Großen Landesausstellung wissen, stammt das älteste Kunstwerk aus der Steinzeit. Und kommt natürlich, wie alles Gute, aus dem Land der Tüftler und Erfinder – aus Baden-Württemberg! 40 000 Jahre alt ist die Venus vom Hohlen Fels, die vor anderthalb Jahren gefunden wurde. Zum Vergleich: Die Höhlenmalereien von Lascaux sind nur 18 000 Jahre alt. Archaische Formen haben schon viele Künstler vor Frank Maier fasziniert. So schockierte etwa Picasso, als er 1907 seine „Demoiselles D’Avignon“ präsentierte. Nach dem Vorbild von alten afrikanischen Masken hatte er Frauengesichter und -körper verschoben und aufgelöst dargestellt. Statt äußerlicher Schönheit setzte er auf einen starken emotionalen Ausdruck, auf innere Magie. Für mich steht der Steinzeit-Raum auch für eine magische Hütte. Wie eine nordamerikanische Schwitzhütte, in die man hineingeht und verwandelt wieder herauskommt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen anregende Erlebnisse. Doch Vorsicht: Betreten auf eigene Gefahr!